Mittwoch, 6. Februar 2008

seelen-milch und abseins-mantel


für die bewältigung des alltags brauchts nicht viele wörter: "geil", "krass", "derb" und "easy" sind genug. wir senioren schlagen uns mit "wunderbar", "bekömmlich" und "ein pfünderli bitte" durch.  diese beschränkung aufs allernötigste ist aber eine sehr unerfreuliche sache: schade, schade, schade. so schade wie es schade ist, dass die aus den bürozellen entlassenen menschenscharen ihre köpfe in "heute..." & co. stecken, wo sie doch problemlos lohensteins gehaltvollen riesenroman "grossmüthiger feldherr arminius oder herman als tapfferer beschirmer der deutschen freyheit, nebst seiner durchlauchtigen thussnelda in einer sinnreichen staats- liebes und heldengeschichte" (1689/90) aus birkin bag oder coop-extrastabil-tüte klauben könnten (also ganz problemlos nicht, denn "arminius" erscheint erst in den nächsten jahren – bitte: bald! – im rahmen der historisch-kritischen ausgabe bei de gruyter: http://www.degruyter.de/cont/glob/neutralMbw.cfm?=19748 – ein grund, sich auf die zukunft zu freuen).
ein bisschen "wortgepränge" (philipp von zesen) würde uns allen gut tun: ego-stärkung, hirnwuchs und veredelung der generell prekären zwischenmenschlichen beziehungen. ich liste  ein paar wörter auf, die sich für den verbalen neuanfang eignen würden und die es definitiv verdienen, aus ihren gräbern und verstecken befreit, in bus und tram zelebriert zu werden:

- beleibzüchtigen = mit unterhalt auf lebenszeit versehen (also eine höchst wünschenswerte sache)
- uchse = achselhöhle (man sage etwa: "der duft deiner uchsen hat nicht seinesgleichen")
- afterwelt = nachwelt (möge sie sich unser gnädig erinnern!)
- schnargarkisch (zu finden bei fischart) = jemand, der gerne trinkt und schlemmt, also eine sympathische kreatur
- stärbe-blau (zu finden in zesens "adriatische rosemund" (1645)) = ein besonders delikates blau (von bleu mourant) (sicher eine gute farbwahl beim nächsten kleiderkauf)
- wält-sälig (bei zesen) = politisch ("einige nationalräte und nationlrätinnen sind mit gesundem  wält-säligen instinkt ausgestattet" tönt doch wirklich besser)
- jungfern-zwünger (bei zesen) = nonnenkloster
- goldaff (von meiner grossmutter) = ein liebenswürdiger, hilfsbereiter  mensch (natürlich ist auch goethes grasaff (= junges ding) empfehlenswert)
- seelen-milch (zu finden in lohensteins "agrippina" (1665)): endlich eine plastische vorstellung von diesem rätselhaften organ und seinen machtvollen sekreten.
- abseins-mantel (ebenda) = der schutzmantel der abwesenheit (man urteile etwa: "in ihren taillierten abseins-mänteln machten sie eine gute figur")
- ruminieren = wieder erwägen
- brüsseln (mehrfach bei arno schmidt) = rauschen oder ein ähnliches geräusch 
- kolumbisieren  (ebenda) = pissen (nehme ich an)
- empusenmund (ebenda) = ich vermute etwas betörendes, kate-moss-artiges

wer waren schon wieder die empusen? in wielands "comischem gedicht" "der neue amadis" (1771) werden neben "schattulliösens schönem busen" auch "zwanzig empusen" genannt. pro memoria: "die empusa war bey den griechischen ammen ungefehr eben das, was man in einigen deutschen provinzen die nachtfrau nennt. sie hatte einen menschlichen und einen esels-fuss, konnte alle möglichen gestalten annehmen, und frass die kleinen kinder, wenn sie nicht fromm sein wollten" (wieland).

also: immer schön fromm sein!

bild: zesens "überirdische" rosemund weint, weil ihr markhold grad davonsegelt.










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