Donnerstag, 7. Februar 2008

doktrin eines menschenfeinds





die wahrheit ist meist bitter, und dies ist die wahrheit: das verkaufspersonal hienieden ist gar nicht nett. es ist frech, grob, blasiert und gelangweilt. letzteres kann man ja noch teilweise verstehen. von morgenrot bis abendrot im kleiderladen  stehen muss schrecklich sein. zum beispiel am zürcher paradeplatz im traditionshaus "grieder", wo sich die alten schachteln mit scheusslichkeiten ausstatten, die allenfalls ihren töchtern stehen würden. bei H & M ist ja wenigstens ein bisschen betrieb, aber den ganzen tag diebstahlsicherungen abschrauben und hemdchen  falten, ist trotzdem schlimm. und dann die löhne: die sollen ja ganz mies sein (aber immer noch besser als die von freien journalisten). nicht besser siehts aus in den restaurants. auch hier ist das personal frech, grob, blasiert und gelangweilt. die eine grosse ausnahme soll aber nicht unterschlagen werden: "rheinfelder bierhalle", zürich, schweiz. wers nicht glaubt, lasse sich von den beiden "vögeli" oder "geiern" eine gewaltiges cordon-bleu servieren. für die hier skizzierte problematik gibt es eine lösung, die allerdings kurzfristig mit gewissen turbulenzen verbunden sein dürfte. doch auch hier gilt: nur radikale lösungen funktionieren. die lösung lautet: sämtliches personal in den läden und restaurants ist zu feuern und durch automaten zu ersetzen, so dass man endlich in ruhe essen und einkaufen kann. "the automat" (erstes bild), eröffnet 1912 beim times square in new york könnte vorbild sein: warme und kalte, süsse und salzige leckerbissen konnten nach münzeinwurf aus einem der zahlreichen glasfächer bezogen werden.  kaffee floss stilvoll aus verchromten delfinköpfen. und weit und breit kein kellner, keine kellnerin. "the automat" war übrigens ein riesenerfolg. 1939 gabs bereits 40 filialen in new york, die zusammen täglich 800 000 grössere und kleinere Mahlzeiten verkauften. das personalfreie restaurant müsste also möglich sein. möglich müsste es auch sein, seinen blumenkohl und  seinen eselsalami im laden ordnungsgemäss zu bezahlen ohne die mürrische einwirkung einer kassiererin. was mit den gefeuerten geschehen soll, weiss ich auch nicht. ich werde darüber nachdenken.
oft und zu recht hört man: früher war es besser. ob das auch in sachen servierpersonal zutrifft? die antwort lautet: ja. es war freundlicher und hübscher wie auf den bildern 2 und 3 eindeutig zu erkennen ist (der rollschuh-service für drive-in-kunden war schon klasse - wie schade, dass wir noch nicht waren!).
sollte sich meine doktrin durchsetzen, wird also friede herrschen in spelunken und gourmettempeln, im hobby-markt und bei "grieder". das aber hat einen haken. ich werde dann fräulein l. aus der papeterie, fräulein d. aus dem bioladen und fräulein e. aus dem duftwasser-laden nie wieder sehn. vielleicht ist in diesen fällen eine sonderregelung vorzunehmen.

Mittwoch, 6. Februar 2008

seelen-milch und abseins-mantel


für die bewältigung des alltags brauchts nicht viele wörter: "geil", "krass", "derb" und "easy" sind genug. wir senioren schlagen uns mit "wunderbar", "bekömmlich" und "ein pfünderli bitte" durch.  diese beschränkung aufs allernötigste ist aber eine sehr unerfreuliche sache: schade, schade, schade. so schade wie es schade ist, dass die aus den bürozellen entlassenen menschenscharen ihre köpfe in "heute..." & co. stecken, wo sie doch problemlos lohensteins gehaltvollen riesenroman "grossmüthiger feldherr arminius oder herman als tapfferer beschirmer der deutschen freyheit, nebst seiner durchlauchtigen thussnelda in einer sinnreichen staats- liebes und heldengeschichte" (1689/90) aus birkin bag oder coop-extrastabil-tüte klauben könnten (also ganz problemlos nicht, denn "arminius" erscheint erst in den nächsten jahren – bitte: bald! – im rahmen der historisch-kritischen ausgabe bei de gruyter: http://www.degruyter.de/cont/glob/neutralMbw.cfm?=19748 – ein grund, sich auf die zukunft zu freuen).
ein bisschen "wortgepränge" (philipp von zesen) würde uns allen gut tun: ego-stärkung, hirnwuchs und veredelung der generell prekären zwischenmenschlichen beziehungen. ich liste  ein paar wörter auf, die sich für den verbalen neuanfang eignen würden und die es definitiv verdienen, aus ihren gräbern und verstecken befreit, in bus und tram zelebriert zu werden:

- beleibzüchtigen = mit unterhalt auf lebenszeit versehen (also eine höchst wünschenswerte sache)
- uchse = achselhöhle (man sage etwa: "der duft deiner uchsen hat nicht seinesgleichen")
- afterwelt = nachwelt (möge sie sich unser gnädig erinnern!)
- schnargarkisch (zu finden bei fischart) = jemand, der gerne trinkt und schlemmt, also eine sympathische kreatur
- stärbe-blau (zu finden in zesens "adriatische rosemund" (1645)) = ein besonders delikates blau (von bleu mourant) (sicher eine gute farbwahl beim nächsten kleiderkauf)
- wält-sälig (bei zesen) = politisch ("einige nationalräte und nationlrätinnen sind mit gesundem  wält-säligen instinkt ausgestattet" tönt doch wirklich besser)
- jungfern-zwünger (bei zesen) = nonnenkloster
- goldaff (von meiner grossmutter) = ein liebenswürdiger, hilfsbereiter  mensch (natürlich ist auch goethes grasaff (= junges ding) empfehlenswert)
- seelen-milch (zu finden in lohensteins "agrippina" (1665)): endlich eine plastische vorstellung von diesem rätselhaften organ und seinen machtvollen sekreten.
- abseins-mantel (ebenda) = der schutzmantel der abwesenheit (man urteile etwa: "in ihren taillierten abseins-mänteln machten sie eine gute figur")
- ruminieren = wieder erwägen
- brüsseln (mehrfach bei arno schmidt) = rauschen oder ein ähnliches geräusch 
- kolumbisieren  (ebenda) = pissen (nehme ich an)
- empusenmund (ebenda) = ich vermute etwas betörendes, kate-moss-artiges

wer waren schon wieder die empusen? in wielands "comischem gedicht" "der neue amadis" (1771) werden neben "schattulliösens schönem busen" auch "zwanzig empusen" genannt. pro memoria: "die empusa war bey den griechischen ammen ungefehr eben das, was man in einigen deutschen provinzen die nachtfrau nennt. sie hatte einen menschlichen und einen esels-fuss, konnte alle möglichen gestalten annehmen, und frass die kleinen kinder, wenn sie nicht fromm sein wollten" (wieland).

also: immer schön fromm sein!

bild: zesens "überirdische" rosemund weint, weil ihr markhold grad davonsegelt.










Montag, 4. Februar 2008

momente der süsse 1



das leben, um das wir nicht gebeten haben und das sich einem fernen, hoffentlich  bekömmlichen schäferstündchen verdankt, ist kein zuckerschlecken. man denke nur an die gletscherkalte schulter, die uns phyllis gezeigt und an das schwere schuhwerk, mit dem florinde die zarten blumen unseres verlangens zertrampelt hat. umgekehrt wirds nicht besser sein: auch wilbur und isenbert sollen schweinehunde, malparidos und hijueputones sein, hört man. so ist es vonnöten, dem herben leben listenreich momente der süsse abzutrotzen. aber wie? für heute eine erste anweisung:
nichts gegen  ein gläschen weissen und einen humpen haldengut, aber die altehrwürdige mixkultur kann das nicht ersetzen. wir verneigen uns vor dem grossen meistermixer harry schraemli. wer über eine hand gebietet, die noch nicht vom tremor regiert wird, der versuche sich an der herstellung eines pousse-café. obacht: die einzelnen (mit vorteil: verschiedenfarbigen) schnäpse dürfen sich nicht vermischen - kein kinderspiel. schraemli meint, dass pousse-cafés "prinzipiell nur damen empfohlen" werden können.  ich wage, zu widersprechen. der genuss eines pousse-café ziemt auch dem herrn, denn das anzapfen der einzelnen schichten  (maraschino, chartreuse, erdbeersirup,  crème de menthe, weisser kümmel etc.) mittels saughalm ist archäologisches unisex-vergnügen. wer aber lieber geschütteltes oder gerührtes hat,  wählt einen schraemli-cocktail mit besonders klingendem namen: "gloom chaser", "grossmütterchen", "first love", "death in the afternoon", "spinat mit ei" oder "oblivion". namen sind ja enorm wichtig - schliesslich zerbricht man sich ja auch bei der lendenfrucht-planung den kopf: "dawn" oder "aurora"?
leider sind die zahlreichen werke von harry schraemli bereits "into oblivion" gesunken, doch bei zvab.com findet sich noch allerhand. in st. moritz weilende sollten es nicht verpassen, in der buchhandlung wega reinzuschauen: schraemlis "meistermixer" liegt dort auf in einer hübschen ausgabe, gebunden in balladursocken-rot. natürlich ist es auch schön, sich cocktailistisch bedienen zu lassen. da siehts schlecht aus bei uns. doch eine perle funkelt noch aus der kneipenöde und zwar genauso wie in den  50er-jahren: die chesa-bar in klosters. hört wie die ode an den unvergesslichen comandante che guevara aus der kehle von aldo quillt und trinkt ein paar "negroni"!