Freitag, 28. März 2008

"schnäll luege und wider use!"

hélas, wie unerbittlich nagst du, blinkender zeitenzahn! vor einem vierteljahrhundert war ich noch ein gertenschlanker jüngling mit lockigem haar. 



















ausserdem war ich gemüsechauffeur im dienste von herrn bobak (hat gott ihn schon selig?) – nicht immer erfolgreich. jedenfalls ist mir mal anlässlich einer heimlieferung ein kistchen tomaten entglitten. die tomaten sind dann die strasse runtergerollt. dank sprintqualiäten des chauffeurs konnten sie wieder eingefangen werden – leicht havariert. das war genau am fusse des dolder. jetzt stehe ich – haarlos und fett – wieder am fusse des dolder, bzw. des "the dolder grand *****", denn heute darf das volk sich anschauen, was grossarchitekt foster mit den 400 millionen von grossfinancier schwarzenbach gemacht hat. als angehöriger des volkes weiss ich nicht, ob ich einmal als zahlender gast im dolder grand schnarchen werde. wenn ja, dann richtig: im 14000-franken-die-nacht-stübchen und mit carla bruni (aber nur platonisch) – bis dahin hat sie sich ja sicher vom zwerg getrennt.

aus stein ist der atlanten-zwerg (bild oben links), der gelassen niederblickt auf das volk, das (ohne zu randalieren, nur 2 kleine "feldschlösschen"  sind in der menge zu orten) schlange steht. wie üblich sind alle andern schneller - man ist eben kein alphatier. jetzt überholt mich auch noch das perlohr (es ist schmalzfrei) und die mit dem perlohr liierte rabenschwarze gucci-sonnenbrille. endlich drin: in der vitrine funkelt ein vertikal komponiertes diamanten-collier von cartier, das sich in einem russ-meyer-décolleté sehr gut macht. der güldene bier-zapfhahn reposiert noch, noch sind die whisky-flaschen voll.  es gibt nichts zu knabbern und zu schlucken fürs volk, denn schliesslich sind wir hier nicht an einer turnhallen- oder kirchgemeindehaus-eröffnung. das macht aber nichts, denn wir sympathisieren mit der edeln gattung der astomoi, die, mundlos, sich ausschliesslich von gerüchen ernährt. auch pinkeln und defäkieren muss man ante portas.  flauschige folien schützen wand und boden: sorgsam bewahrte jungfernschaft. 

bei der denkmalgeschützten "suite deluxe" sagt staff nr. 50a (in black) "bitte links abzwiige oder graduus gah. schnäll luege und wider use!" ich weide mich astomisch. die kuscheldecke im nicht denkmalgeschützten zimmer 1309 ist fliederfarben - das ist löblich: passt du carla. im 4000-quadratmeter-spa (das auch valablen nicht-hotelgästen zur verfügung steht), liegen die "hildon"-wasserflaschen seriell-militärisch in plexiglas-röhren. im spa-café gibts würfelzucker beruhigenderweise  in weiss oder naturbraun. für die reife dame, die ab april hier ein und aus gehen wird, liegt schon der "skin caviar" von "la prairie" im regal. aber ich sage euch: vergesst es, die rosige jugend kehrt nimmer wieder! nr. 43b sagt wie alle kollegen und kolleginnen artig "grüezi" – das könnten schon 20 000mal sein in den drei "open days"-tagen. höhepunkt des "garden restaurant" sind die vorhänge aus metallkugel-schnüren: sie erinnern an grausame ritter mit blutigen streitäxten. vor dem runden ballsaal hängen mächtige kugellampen aus glas. ihr herz erinnert an stellare geburten. 

wer sich die noble sache im gänsemarsch angeschaut hat und kein narr ist, der möchte natürlich ab april selber hier tafeln und kuscheln. nicht alle können das. alle könnten das. es ist so einfach: sämtliche vermögenswerte  aller bewohner helvetiens werden beschlagnahmt, addiert und – ohne schummeleien – an alle hier lebenden nasen  verteilt. zu gleichen teilen, bien sur. 

na, war das so schwer? gehts jetzt nicht allen besser?!

kostverächter, die trotz der nun schön fetten sparsau nicht ins "the dolder grand" möchten, können natürlich auch ins hotel mulo gehn, wo die zimmer mit benzin gefüllt sind. informationen und reservationen bei grillandus erhältlich.

der rundgang ist nach 50 minuten zu ende. die frühlingssonne  kost das moos auf dem gartenhag von kurhausstrasse 54, dem schauplatz der tomatenflucht anno 1983.

a propos carla bruni und platonisch: warum nur?! bock auf dicke?! die antwort stammt von lucas cranach und heisst  "venus mit dem honig stehlenden amorknaben" (1526, siehe bild oben rechts). schleckmaul amor hat die wabe geklaut und jetzt drangsalieren ihn die heissen bienen. mama venus, das knackige luder, soll trösten. die moral von der geschicht: "so schadet uns auch die kurze vergängliche wollust, die wir begehren: mit herbem schmerz ist sie vermischt."

open days in "the dolder grand" noch morgen samstag, 29. märz, 9 bis 17 uhr.

Donnerstag, 7. Februar 2008

doktrin eines menschenfeinds





die wahrheit ist meist bitter, und dies ist die wahrheit: das verkaufspersonal hienieden ist gar nicht nett. es ist frech, grob, blasiert und gelangweilt. letzteres kann man ja noch teilweise verstehen. von morgenrot bis abendrot im kleiderladen  stehen muss schrecklich sein. zum beispiel am zürcher paradeplatz im traditionshaus "grieder", wo sich die alten schachteln mit scheusslichkeiten ausstatten, die allenfalls ihren töchtern stehen würden. bei H & M ist ja wenigstens ein bisschen betrieb, aber den ganzen tag diebstahlsicherungen abschrauben und hemdchen  falten, ist trotzdem schlimm. und dann die löhne: die sollen ja ganz mies sein (aber immer noch besser als die von freien journalisten). nicht besser siehts aus in den restaurants. auch hier ist das personal frech, grob, blasiert und gelangweilt. die eine grosse ausnahme soll aber nicht unterschlagen werden: "rheinfelder bierhalle", zürich, schweiz. wers nicht glaubt, lasse sich von den beiden "vögeli" oder "geiern" eine gewaltiges cordon-bleu servieren. für die hier skizzierte problematik gibt es eine lösung, die allerdings kurzfristig mit gewissen turbulenzen verbunden sein dürfte. doch auch hier gilt: nur radikale lösungen funktionieren. die lösung lautet: sämtliches personal in den läden und restaurants ist zu feuern und durch automaten zu ersetzen, so dass man endlich in ruhe essen und einkaufen kann. "the automat" (erstes bild), eröffnet 1912 beim times square in new york könnte vorbild sein: warme und kalte, süsse und salzige leckerbissen konnten nach münzeinwurf aus einem der zahlreichen glasfächer bezogen werden.  kaffee floss stilvoll aus verchromten delfinköpfen. und weit und breit kein kellner, keine kellnerin. "the automat" war übrigens ein riesenerfolg. 1939 gabs bereits 40 filialen in new york, die zusammen täglich 800 000 grössere und kleinere Mahlzeiten verkauften. das personalfreie restaurant müsste also möglich sein. möglich müsste es auch sein, seinen blumenkohl und  seinen eselsalami im laden ordnungsgemäss zu bezahlen ohne die mürrische einwirkung einer kassiererin. was mit den gefeuerten geschehen soll, weiss ich auch nicht. ich werde darüber nachdenken.
oft und zu recht hört man: früher war es besser. ob das auch in sachen servierpersonal zutrifft? die antwort lautet: ja. es war freundlicher und hübscher wie auf den bildern 2 und 3 eindeutig zu erkennen ist (der rollschuh-service für drive-in-kunden war schon klasse - wie schade, dass wir noch nicht waren!).
sollte sich meine doktrin durchsetzen, wird also friede herrschen in spelunken und gourmettempeln, im hobby-markt und bei "grieder". das aber hat einen haken. ich werde dann fräulein l. aus der papeterie, fräulein d. aus dem bioladen und fräulein e. aus dem duftwasser-laden nie wieder sehn. vielleicht ist in diesen fällen eine sonderregelung vorzunehmen.

Mittwoch, 6. Februar 2008

seelen-milch und abseins-mantel


für die bewältigung des alltags brauchts nicht viele wörter: "geil", "krass", "derb" und "easy" sind genug. wir senioren schlagen uns mit "wunderbar", "bekömmlich" und "ein pfünderli bitte" durch.  diese beschränkung aufs allernötigste ist aber eine sehr unerfreuliche sache: schade, schade, schade. so schade wie es schade ist, dass die aus den bürozellen entlassenen menschenscharen ihre köpfe in "heute..." & co. stecken, wo sie doch problemlos lohensteins gehaltvollen riesenroman "grossmüthiger feldherr arminius oder herman als tapfferer beschirmer der deutschen freyheit, nebst seiner durchlauchtigen thussnelda in einer sinnreichen staats- liebes und heldengeschichte" (1689/90) aus birkin bag oder coop-extrastabil-tüte klauben könnten (also ganz problemlos nicht, denn "arminius" erscheint erst in den nächsten jahren – bitte: bald! – im rahmen der historisch-kritischen ausgabe bei de gruyter: http://www.degruyter.de/cont/glob/neutralMbw.cfm?=19748 – ein grund, sich auf die zukunft zu freuen).
ein bisschen "wortgepränge" (philipp von zesen) würde uns allen gut tun: ego-stärkung, hirnwuchs und veredelung der generell prekären zwischenmenschlichen beziehungen. ich liste  ein paar wörter auf, die sich für den verbalen neuanfang eignen würden und die es definitiv verdienen, aus ihren gräbern und verstecken befreit, in bus und tram zelebriert zu werden:

- beleibzüchtigen = mit unterhalt auf lebenszeit versehen (also eine höchst wünschenswerte sache)
- uchse = achselhöhle (man sage etwa: "der duft deiner uchsen hat nicht seinesgleichen")
- afterwelt = nachwelt (möge sie sich unser gnädig erinnern!)
- schnargarkisch (zu finden bei fischart) = jemand, der gerne trinkt und schlemmt, also eine sympathische kreatur
- stärbe-blau (zu finden in zesens "adriatische rosemund" (1645)) = ein besonders delikates blau (von bleu mourant) (sicher eine gute farbwahl beim nächsten kleiderkauf)
- wält-sälig (bei zesen) = politisch ("einige nationalräte und nationlrätinnen sind mit gesundem  wält-säligen instinkt ausgestattet" tönt doch wirklich besser)
- jungfern-zwünger (bei zesen) = nonnenkloster
- goldaff (von meiner grossmutter) = ein liebenswürdiger, hilfsbereiter  mensch (natürlich ist auch goethes grasaff (= junges ding) empfehlenswert)
- seelen-milch (zu finden in lohensteins "agrippina" (1665)): endlich eine plastische vorstellung von diesem rätselhaften organ und seinen machtvollen sekreten.
- abseins-mantel (ebenda) = der schutzmantel der abwesenheit (man urteile etwa: "in ihren taillierten abseins-mänteln machten sie eine gute figur")
- ruminieren = wieder erwägen
- brüsseln (mehrfach bei arno schmidt) = rauschen oder ein ähnliches geräusch 
- kolumbisieren  (ebenda) = pissen (nehme ich an)
- empusenmund (ebenda) = ich vermute etwas betörendes, kate-moss-artiges

wer waren schon wieder die empusen? in wielands "comischem gedicht" "der neue amadis" (1771) werden neben "schattulliösens schönem busen" auch "zwanzig empusen" genannt. pro memoria: "die empusa war bey den griechischen ammen ungefehr eben das, was man in einigen deutschen provinzen die nachtfrau nennt. sie hatte einen menschlichen und einen esels-fuss, konnte alle möglichen gestalten annehmen, und frass die kleinen kinder, wenn sie nicht fromm sein wollten" (wieland).

also: immer schön fromm sein!

bild: zesens "überirdische" rosemund weint, weil ihr markhold grad davonsegelt.










Montag, 4. Februar 2008

momente der süsse 1



das leben, um das wir nicht gebeten haben und das sich einem fernen, hoffentlich  bekömmlichen schäferstündchen verdankt, ist kein zuckerschlecken. man denke nur an die gletscherkalte schulter, die uns phyllis gezeigt und an das schwere schuhwerk, mit dem florinde die zarten blumen unseres verlangens zertrampelt hat. umgekehrt wirds nicht besser sein: auch wilbur und isenbert sollen schweinehunde, malparidos und hijueputones sein, hört man. so ist es vonnöten, dem herben leben listenreich momente der süsse abzutrotzen. aber wie? für heute eine erste anweisung:
nichts gegen  ein gläschen weissen und einen humpen haldengut, aber die altehrwürdige mixkultur kann das nicht ersetzen. wir verneigen uns vor dem grossen meistermixer harry schraemli. wer über eine hand gebietet, die noch nicht vom tremor regiert wird, der versuche sich an der herstellung eines pousse-café. obacht: die einzelnen (mit vorteil: verschiedenfarbigen) schnäpse dürfen sich nicht vermischen - kein kinderspiel. schraemli meint, dass pousse-cafés "prinzipiell nur damen empfohlen" werden können.  ich wage, zu widersprechen. der genuss eines pousse-café ziemt auch dem herrn, denn das anzapfen der einzelnen schichten  (maraschino, chartreuse, erdbeersirup,  crème de menthe, weisser kümmel etc.) mittels saughalm ist archäologisches unisex-vergnügen. wer aber lieber geschütteltes oder gerührtes hat,  wählt einen schraemli-cocktail mit besonders klingendem namen: "gloom chaser", "grossmütterchen", "first love", "death in the afternoon", "spinat mit ei" oder "oblivion". namen sind ja enorm wichtig - schliesslich zerbricht man sich ja auch bei der lendenfrucht-planung den kopf: "dawn" oder "aurora"?
leider sind die zahlreichen werke von harry schraemli bereits "into oblivion" gesunken, doch bei zvab.com findet sich noch allerhand. in st. moritz weilende sollten es nicht verpassen, in der buchhandlung wega reinzuschauen: schraemlis "meistermixer" liegt dort auf in einer hübschen ausgabe, gebunden in balladursocken-rot. natürlich ist es auch schön, sich cocktailistisch bedienen zu lassen. da siehts schlecht aus bei uns. doch eine perle funkelt noch aus der kneipenöde und zwar genauso wie in den  50er-jahren: die chesa-bar in klosters. hört wie die ode an den unvergesslichen comandante che guevara aus der kehle von aldo quillt und trinkt ein paar "negroni"!